Investment vs. Pre-Consumer vs. Post-Consumer vs. Abfall

Die meisten Menschen denken, “recyceltes Gold” sei automatisch eine gute Wahl. Schließlich haben wir alle einmal gelernt, dass Recycling gut für die Umwelt ist. Gold wird wiederverwendet und muss deshalb nicht neu abgebaut werden. Die Natur wird geschont. Klingt erstmal logisch, oder?

Aber hier kommt die unbequeme Wahrheit: Durch die Verwendung von Recycling-Gold wird weder mehr Gold recycelt (es wird schon immer zu nahezu 100% wiederverwendet), noch wird weniger Gold neu abgebaut. Der Umwelt geht es also dadurch kein bisschen besser.

Zudem schließt nicht alles, was als „Recycling-Gold“ verkauft wird, den Kreislauf wirklich. Tatsächlich gibt es große Unterschiede, die darüber entscheiden, ob ihr mit eurem Kauf echte Kreislaufwirtschaft unterstützt oder ob ihr es mit Greenwashing zu tun habt.

Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung nach der unmittelbaren Quelle des Recycling-Goldes: Investment-Gold, Pre-Consumer Material, Post-Consumer Gold oder echter Abfall.

In diesem Artikel zeigen wir euch, warum diese Unterscheidung so wichtig ist und woran ihr echtes Post-Consumer Recycling-Gold erkennt.

Was bedeutet "Recycling-Gold" eigentlich?

Der Begriff „Recycling-Gold“ wird in der Schmuckindustrie großzügig als Oberbegriff für Gold verwendet, das nicht ganz direkt (“frisch”) aus einer Mine kommt. Das Problem: Unter diesem Marketing-Schirm verstecken sich sehr unterschiedliche Materialquellen.

Wir haben bereits in unserem Artikel „Warum normales Recycling-Gold keine Lösung ist“ ausführlich über die generellen Probleme von Recycling-Gold geschrieben. Von fehlender Nachvollziehbarkeit der Herkunft bis hin zu illegalem Gold, das als „Recycled“ auf den Markt gelangt.

Hinzu kommt: Auch Recycling-Gold ist keine nachhaltige Lösung. Gold wird seit jeher zu nahezu 100% wiederverwendet. Es ist kein Plastik oder Pappe, das ohne Recycling auf der Deponie oder in einer Müllverbrennungsanlage landen würde. Das Gold wäre ohnehin recycelt worden. Die Verwendung von Recycling-Gold führt auch nicht dazu, dass weniger Gold abgebaut wird, es spart also global betrachtet kein CO₂ ein. Und es ändert nichts an den sozialen oder ökologischen Missständen im Bergbau. 

Wer echten IMPACT will, also eine Verbesserung des Status Quo, braucht Gold, das bis zur Mine rückverfolgbar ist. Wie Fairtrade, Fairmined oder SMO Gold.

Heute schauen wir uns an, welche verschiedenen Arten von „recyceltem“ Gold es überhaupt gibt. Denn diese Unterscheidung macht einen großen Unterschied zwischen echter Kreislaufwirtschaft und Greenwashing.

Die vier Arten von "Recycling-Gold" im Vergleich

Tabelle mit detailliertem Vergleich der 4 Recycling Gold Kategorien

Investment-Gold-Umschmelzung

Zählt nicht als echtes Recycling, weil es bereits zu min. 99,9 % rein ist (also kein “Müll”) und viel zu leicht frisches Material unbekannter Herkunft enthalten sein kann.

Im Detail:

  • Könnte kürzlich abgebaut worden sein: Ein Barren könnte erst vor wenigen Tagen aus einer Mine gekommen, raffiniert und hergestellt worden sein. Das Alter eines Goldbarrens kann man ihm nicht angesehen oder anderweitig ermitteln.
  • Kein Effekt auf Bergbau: Investment-Gold zirkuliert ohnehin ständig im Markt. Das Umschmelzen ist kein “Recycling” im eigentlichen Sinne und ändert nichts an der Nachfrage nach neu abgebautem Gold.
  • Hohes Risiko: Investment-Gold-Umschmelzung kann genutzt werden, um frisch abgebautes oder sogar illegales Gold als „recycelt“ zu tarnen.
  • Intransparente Lieferketten: Zirkulierende Investment-Produkte haben meist keine klare Herkunft. Der Handel ist mehrstufig, international und intransparent. Den reinen Gold-Atomen haftet keinerlei Herkunfts-Charakteristsik an.

Was ist das?

Hierbei werden Anlageprodukte wie Goldbarren und Münzen eingeschmolzen und wieder zu anderen Goldprodukten verarbeitet.

Das klingt doch nach Recycling? Was ist also das Problem?

Genau hierin liegt der Trick. Diese Produkte sind niemals “Abfall” im eigentlichen Wortsinn. Auch der RJC CoC Standard schließt Investment-Gold explizit als legitime Quelle für Recycling-Gold aus.

Pre-Consumer Produktionsabfälle

Das ist genau genommen kein echtes Recycling, sondern lediglich ein Industrie-interner Materialstrom.

Im Detail:

  • Könnte frisch abgebaut sein: Das Material könnte erst vor Tagen oder Wochen aus einer Mine gekommen und einfach in die Produktion umgeleitet worden sein.
  • Kein Kreislauf-Effekt: Das Gold war nie bei einem Endnutzer.
  • Wird als „Recycling-Gold“ vermarktet, obwohl es sich nur um Produktionsreste handelt, die in einem geschlossenen System wiederverwendet werden.

Was ist das?

Pre-Consumer Material ist Gold aus Produktionsabfällen, das nie einen Endnutzer erreicht hat. Es handelt sich um Reste, die während des Herstellungsprozesses anfallen.

Beispiele:

  • Gussreste und Angüsse
  • Verschnitt bei der Verarbeitung
  • Abgelehnte Halbfertigprodukte
  • Werkbank-Produktionsreste

Stellt euch vor, ihr rollt Keksteig aus und stecht Kekse aus. Die übrigen Teigreste werden wieder zusammengeknetet und erneut ausgerollt. Würde irgendjemand das als „Recycling“ bezeichnen? Wohl kaum. Genau das passiert aber bei Pre-Consumer Gold. Trotzdem wird es oft als „recycelt“ vermarktet.

Post-Consumer Recycling-Gold

Was ist das?

Post-Consumer Recycling-Gold ist nach den Definitionen des Responsible Jewellery Council (RJC CoC Standard 2024), des SCS-103 (Recycled Content Standard) und der International Organization for Standardization (ISO) Material, das von Haushalten (Verbrauchern) oder von gewerblichen, industriellen und institutionellen Einrichtungen in ihrer Rolle als Endnutzer des Produkts als Abfall erzeugt wird. 

Vereinfacht gesagt: Gold, das sein erstes komplettes Leben als fertiges Produkt (einen “Produktlebenszyklus”) abgeschlossen hat und von Endnutzern zurück in den Kreislauf gegeben wurde.

Beispiele:

  • Post-Consumer Gold: End-of-Life Schmuck, Uhren, Ornamente und Zahngold von Endnutzern oder Pfandleihern.
  • Industrielle Rückstände: End-of-Life Rückstände mit weniger als 2% Goldgehalt. Zum Beispiel Galvanikbäder, Löt-Legierungen, Keramikdekor-Staub oder Rückstände aus der analogen Fotografie.

Warum ist das die bessere Wahl?

  • Echte Kreislaufwirtschaft: Das Gold hat bereits einen vollständigen Lebenszyklus durchlaufen und bleibt im Kreislauf.
  • Klar abgrenzbar: Das Material kommt von Endnutzern, nicht aus unklaren Industrie-internen Stoffströmen oder eingeschmolzenen Barren.
  • Geringeres Risiko: Niedrigeres Risiko für illegitime Lieferketten, wenn strikt segregiert und nach anerkannten Standards zertifiziert.

Abfall ("Waste")

Die einzige Kategorie mit seriös belegbarer positiver Wirkung

Gold aus tatsächlichem „Müll“, der in den Abfallstrom (waste stream) gelangt: Elektronikschrott, Schmelztiegel, Industrieteile am Ende ihrer Nutzungsdauer, minderwertiges Material aus Müllverbrennung, Kehricht.

Warum diese Kategorie besonders relevant ist:

  • Erhöht das Goldangebot am Markt tatsächlich (leicht). Ohne die aufwändige Rückgewinnung aus dem Abfallstrom wäre dieses Gold verloren.
  • Kann dadurch den Preis (etwas) senken und (etwas) weniger Neuabbau bewirken. Das ist bei keiner anderen Recycling-Kategorie der Fall.
  • Ist allerdings aufgrund der aufwändigen Gewinnung noch kaum am Markt verfügbar.

Warum diese Unterscheidung wichtig ist

Transparenz

Auch Post-Consumer Gold kann nicht bis zur Mine zurückverfolgt werden. Aber es stammt klar von Endnutzern. Nicht aus unklaren Industrie-internen Materialströmen oder eingeschmolzenen Barren.

Wichtig: Der Begriff „rückverfolgbar“ ist Gold vorbehalten, das wirklich bis zum Ursprung (einer Mine) zurückverfolgt werden kann. Also z.B. Fairtrade, Fairmined oder SMO Gold. Bei Recycling-Gold kennt ihr die Kategorie, aber nicht den Ursprung. Das ist ein entscheidender Unterschied. Wer vollständige Rückverfolgbarkeit will, greift zu Fairtrade, Fairmined oder SMO Gold. Hier ist jeder Schritt der Lieferkette nachweisbar, von der Mine bis zum Schmuckstück.

Greenwashing-Gefahr

Pre-Consumer und Investment-Gold werden als „Recycling-Gold“ vermarktet, obwohl sie den Kreislauf nicht schließen. Pre-Consumer Material und Investment-Gold-Umschmelzung werden häufig mit denselben Marketing-Begriffen beworben wie echtes Post-Consumer Gold: „Umweltfreundlich“, „nachhaltig“, „klimaneutral“, „recycelt“. Aber diese Begriffe sind irreführend, denn Pre-Consumer und Investment-Gold …

  • schließen den Kreislauf nicht,
  • sie sorgen nicht dafür, dass mehr Gold recycelt wird,
  • sie bewirken nicht, dass weniger Gold abgebaut wird und ultimativ
  • ändern sie nichts an den sozialen oder ökologischen Missständen im Bergbau.

Der soziale Aspekt

Niedrige Recycling-Gold-Preise setzen Kleinbergbau-Arbeiter unter Druck und fördern illegalen Handel.

Wie wir in unserem Artikel „Warum normales Recycling-Gold keine Lösung ist“ beschrieben haben, gibt es noch ein weiteres Problem: Recycling-Gold (fast immer ohne Herkunftsnachweis) wird häufig unter dem regulären Marktpreis für neu abgebautes Gold (mit Herkunftsnachweis) gehandelt. Wenn immer mehr Menschen Recycling-Gold bevorzugen, entsteht ein Preisdruck auf den gesamten Goldmarkt.

Die Folge: Kleinschürfer – legale wie illegale – erhalten eine geringe Bezahlung für ihre Arbeit. Ihr Gold gelangt über obskure Kanäle in den regulären Markt, um später als “nachhaltiges” Recycling-Gold verkauft zu werden.

Warum Standards wie RJC CoC diese Unterscheidung treffen

Nur Post-Consumer Gold und Abfall (Waste) schließen nachweislich den Kreislauf. Der Responsible Jewellery Council unterscheidet in seinem Chain of Custody Standard (RJC CoC 2024) klar zwischen Post-Consumer und anderen Materialien.

Warum? Weil nur Post-Consumer Recycling-Gold und Abfall (“material derived from waste”) den Kreislauf schließen und Material von Endnutzern zurückführen. Kunden hätten dadurch ein besseres Verständnis über die Herkunft ihres Goldes (zumindest für einen Schritt zuvor in der Lieferkette).

Allerdings findet diese Unterscheidung in der Praxis meist nur Industrie-intern statt und wird nicht für Kunden nachvollziehbar kommuniziert (z.B. mit Prozentsätzen der enthaltenen Recycling-Kategorien).

Diese Unterscheidung ist kein bürokratisches Detail, sondern kann vor Greenwashing schützen und sicherstellen, dass „recycelt“ auch wirklich „recycelt“ bedeutet.

Der Fairever Standard: 100% Post-Consumer Recycling-Gold

Bei Fairever haben wir uns bewusst entschieden: Wir arbeiten ausschließlich mit 100% Post-Consumer Recycling-Gold. Nach der klaren Definition des RJC CoC 2024 Standards und SCS/ISO. Dies bedeutet: End-of-Life Schmuck, Uhren, Ornamente, Zahngold und Rückstände von industriellen Endnutzern.

(Recycling-Gold aus tatsächlichem Abfall (“Waste”), wie oben definiert, wäre noch besser. Da die Goldgehalte sehr gering und die Gewinnung sehr aufwändig ist, ist dieses allerdings noch kaum am Markt verfügbar. Wir hoffen, dies mittelfristig auch anbieten zu können.)

Unser Gold wird durch Stephen Betts & Sons raffiniert, der ältesten Scheideanstalt im Vereinigten Königreich (seit 1760). Jede Charge wird eingeschmolzen, raffiniert und auf 999,9 ‰ Reinheit geprüft.

Was wir dabei ausschließen: Pre-Consumer Produktionsabfälle, Investment-Gold und natürlich frisch abgebautes Gold unbekannter Herkunft …

Unsere Lösung: Post-Consumer Gold mit und ohne Impact-Credits

Bei Fairever findet ihr Post-Consumer Recycling-Gold in zwei Varianten:

Post-Consumer Recycled Gold 999 Gussgranalien – 100% Post-Consumer Recycling-Gold. Echte Kreislaufwirtschaft.

Recycled Gold Credit+ Fairmined – Das gleiche Post-Consumer Gold, kombiniert mit Fairmined Credits, die faire Arbeitsbedingungen im Kleinbergbau unterstützen. Mehr dazu in unserem Artikel Recycling-Gold Credit+.

Fazit: Fragt nach, wo euer Gold tatsächlich herkommt

Nicht alles, wo „recycelt“ drauf steht, ist auch wirklich recycelt drin. Die Unterscheidung zwischen Post-Consumer, Pre-Consumer und Investment-Gold macht den entscheidenden Unterschied zwischen echter Kreislaufwirtschaft und Greenwashing.

Was ihr mitnehmen solltet:

Inforgrafik Recycling Gold-4 Kategorien

Post-Consumer Recycling-Gold schließt den Kreislauf wirklich. Es kommt von Endnutzern und ist echte Kreislaufwirtschaft. Aber auch Post-Consumer Recycling-Gold ist kein Ersatz für verantwortungsvoll abgebautes Gold. Es führt nicht dazu, dass weniger Gold abgebaut wird und ändert nichts an den sozialen oder ökologischen Missständen im Bergbau.

Pre-Consumer Produktionsabfälle und Investment-Gold-Umschmelzung sind genau genommen gar kein echtes Recycling. Sie sind kein “Abfall” im eigentlichen Wortsinn, schließen den Kreislauf nicht und bergen das Risiko der Inverkehrbringung von Konfliktgold.

Fragt eure Lieferanten konkret: Ist euer Gold Post-Consumer nach RJC-Definition und Zertifizierung? Woher kommt es wirklich?

Bei Fairever könnt ihr euch darauf verlassen: 100% Post-Consumer Recycling-Gold aus echten End-of-Life-Quellen. Und mit unseren Credit+-Produkten verbindet ihr Kreislaufwirtschaft sogar mit sozialem Impact im Kleinbergbau – das Beste aus beiden Welten!

Über die Autorin
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