Ist Recycling-Gold nachhaltig?

Fakten zur Ökobilanz

Recycling-Gold wird als klimafreundliche Alternative beworben. Aber ist es wirklich nachhaltig – und was bedeutet das überhaupt? Die Antwort ist komplexer als die meisten Marketing-Versprechen suggerieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Recycling-Gold spart kein CO₂ ein. Der Bergbau verursacht 99% der Emissionen. Bei Recycling-Gold wurde dieser Schritt bereits in der Vergangenheit durchlaufen – die Emissionen sind aber nicht verschwunden. Und da Recycling-Gold nicht zu weniger Bergbau führt, wird global kein CO₂ eingespart.
  • Die Quelle entscheidet. Nur Post-Consumer Gold (von Endnutzern) schließt den Kreislauf. Pre-Consumer-Material (Produktionsabfälle) ist gar kein echtes Recycling, sondern ein Industrie-interner Materialstrom. Investment-Gold (eingeschmolzene Barren) ist i.d.R. bereits zu min. 99,9 % reines Gold und kann nicht seriös als “Recycling” bezeichnet werden.
  • Recycling-Gold löst nicht die sozialen Probleme im Bergbau. 15–20 Millionen Menschen arbeiten im Kleinbergbau – oft unter gefährlichen Bedingungen. Recycling-Gold verbessert ihre Situation nicht.
  • 75% des weltweit verarbeiteten Goldes wird weiterhin neu abgebaut. Trotz Recycling: Der Bergbau nimmt aufgrund hoher Goldpreise sogar zu, besonders im Kleinbergbau-Sektor.

Warum Recycling-Gold nicht klimafreundlicher ist

99% der Emissionen bei Minengold entstehen im Bergbau. Recycling-Gold wird häufig als “klimafreundlich” vermarktet, weil dieser Schritt rechnerisch nicht erneut anfällt. Aber diese Rechnung hat mehrere grundlegende Probleme.

Wo die Emissionen bei Minengold entstehen

Für eine einzige Unze Gold (31,1 Gramm) müssen durchschnittlich 150 Tonnen Gestein gesprengt, abtransportiert und aufbereitet werden. Schwere Maschinen, Diesel-Lkw, kilometerweite Transporte, chemische Erzaufbereitung mit Zyanid – all das verbraucht enorme Mengen Energie.

Die Raffination selbst – Einschmelzen und chemisches Reinigen – macht nur etwa 1% der Gesamtemissionen aus.

Warum Recycling-Gold trotzdem kein CO₂ einspart

Auch Recycling-Gold wurde abgebaut – möglicherweise erst vor wenigen Wochen. Die Emissionen aus dem Bergbau sind nicht verschwunden, nur weil das Gold jetzt erneut eingeschmolzen wird. Sie stecken als „CO₂-Rucksack“ im Material.

Was bei der Raffination von Recycling-Gold anfällt: Sammlung und Transport des Materials, Sortierung (bei Elektronik), Einschmelzen und chemisches Reinigen. Der CO₂-Fußabdruck liegt auf dem Papier bei etwa 30–50 kg pro Kilogramm Gold. Bei Minengold sind es rund 30.000 kg – also das 600-fache.

Doch diese Rechnung funktioniert nur mit einem buchhalterischen Trick: Man setzt die Emissionen des ursprünglichen Abbaus auf Null (sogenannter „Cut-off-Ansatz“). Der CO₂-Rucksack aus dem Bergbau verschwindet durch die Raffination nicht – er wird nur nicht mehr mitgezählt. Und jede Wiederaufbereitung erhöht den gesamten CO₂-Fußabdruck von Gold sogar noch weiter.

Der entscheidende Punkt: Durch die Verwendung von Recycling-Gold wird nicht mehr Gold recycelt, nicht weniger Bergbau betrieben und global nicht weniger CO₂ emittiert. Solange die Goldnachfrage steigt, steigt auch der Abbau – unabhängig davon, wie viel “Recycling-Gold” im Umlauf ist. Und genau das macht den entscheidenden Unterschied zwischen dem Recycling von Gold und anderen Materialien aus.

Vier Mythen über Recycling-Gold

Infografik 4 Recycling-Gold Mythen

Mythos 1: "Recycling-Gold ist klimaneutral"

Falsch. Recycling-Gold ist weder klimaneutral noch klimafreundlicher als Minengold – zumindest nicht im globalen Ergebnis. Denn die Verwendung von Recycling-Gold führt nicht dazu, dass mehr Gold recycelt und weniger Gold abgebaut wird. Die Nachfrage nach neu abgebautem Gold bleibt gleich.

Das Einschmelzen und Wiederaufbereiten ist zudem selbst energieintensiv. Schmelzöfen laufen bei 1.200°C, Königswasser muss hergestellt werden, Elektrolyse verbraucht Strom. Jede Wiederaufbereitung erhöht den gesamten CO₂-Fußabdruck von Gold.

Hinzu kommt: Gold wird seit jeher zu nahezu 100% wiederverwendet. Gold ist kein Plastik oder Pappe – es wird praktisch nie weggeworfen. Das Gold wäre ohnehin recycelt worden. Die Verwendung von Recycling-Gold hat keinen Vorteil für das Klima.

Mythos 2: "Keine Transportwege bei Recycling-Gold"

Falsch. Das Gold hatte dieselben Transportwege – nur früher. Das Recycling-Gold, das jetzt eingeschmolzen wird, wurde auch aus einer Mine transportiert. Zur Raffinerie, zum Hersteller, zum Händler, zum Kunden.

Der Unterschied: Diese Transporte passierten vor 5, 10 oder 20 Jahren – oder auch erst vor wenigen Wochen. Die Emissionen bleiben in der Gesamtbilanz.

Was sich ändert: Für ein neues Produkt entfällt der Transport vom Bergbau zur ersten Verarbeitung. Die Wege sind kürzer. Das ist ein kleiner Vorteil, aber kein großer. Die relevanten Emissionen liegen beim Bergbau selbst – und der findet weiterhin statt.

Mythos 3: "Recycling-Gold reduziert den Bergbau"

weltweite Goldnachfrage übersteigt das verfügbare Recycling-Angebot bei weitem.

Ohne neu abgebautes Gold kann die Nachfrage nicht gedeckt werden. Der industrielle Bergbau bleibt auf hohem Niveau. Der Kleinbergbau nimmt parallel zum Goldpreis sogar zu.

Hohe Goldpreise machen auch vorher unwirtschaftliche Lagerstätten attraktiv. Menschen in ärmeren Regionen beginnen mit dem Abbau – oft ohne Umweltstandards, mit Quecksilber-Einsatz.

Das Problem: Recycling-Gold deckt nur ~23% der weltweiten Goldnachfrage. Die Gesamtnachfrage steigt schneller als das Recycling-Angebot wachsen kann, da ohnehin schon immer nahezu 100% des Goldes wiederverwendet wurde.

Mythos 4: "Recycling-Gold ist ein Kreislaufmodell"

Nur theoretisch. In der Praxis steigt die Nachfrage kontinuierlich. Ohne zusätzliche Nachfrage könnte Gold als Kreislaufmodell funktionieren – aber Schmuck, Investment-Produkte und Elektronik brauchen immer mehr Gold.

Gold wurde auch in der Vergangenheit nie entsorgt. Es wurde schon immer eingeschmolzen und wiederverwendet. Das ist keine neue Errungenschaft – sondern eine bereits bestehende Praxis, die heute nur anders vermarktet wird.

Was Recycling-Gold NICHT löst

Recycling-Gold beantwortet weder die sozialen noch die ökologischen Fragen des Goldabbaus.

1. Die sozialen und ökologischen Probleme im Bergbau

15 bis 20 Millionen Menschen arbeiten weltweit im Kleinbergbau – oft unter gefährlichen Bedingungen. Recycling-Gold ändert daran nichts.

Die Realität: Quecksilber-Einsatz ohne Schutzausrüstung, Kinderarbeit, keine soziale Absicherung, Gesundheitsrisiken durch Schwermetalle, Ausbeutung durch Zwischenhändler.

Recycling-Gold verbessert die Arbeitsbedingungen nicht. Es generiert keinen Cashflow für betroffene Gemeinden. Es bietet keine Alternative für Menschen, die vom Bergbau abhängig sind.

Die ursprünglichen Abbaubedingungen bleiben unklar. Ihr wisst nicht, unter welchen Umständen das Gold gefördert wurde, das jetzt in eurem Schmuckstück steckt.

Was wirklich hilft: Fairtrade und Fairmined Gold

Standards wie Fairtrade und Fairmined setzen genau hier an. Sie verbessern die Bedingungen direkt vor Ort:

  • Mindestpreise schützen Bergleute vor Ausbeutung durch Zwischenhändler
  • Prämienzahlungen finanzieren Schulen, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur in Bergbau-Gemeinden
  • Reduzierung von Quecksilber und Förderung sauberer Technologien
  • Arbeitsschutzstandards: Sichere Arbeitsbedingungen, Schutzausrüstung, Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit
  • Formalisierung: Rechtliche Absicherung, Zugang zu fairen Märkten

 

Der Unterschied: Fairtrade und Fairmined Gold schaffen echte Veränderung für die Menschen, die vom Bergbau leben. Recycling-Gold tut das nicht.

2. Die Herkunftsfrage bleibt offen

Bei konventionellem Recycling-Gold ist die Herkunft meist unklar. Die ursprünglichen Abbaubedingungen sind nicht nachvollziehbar.

Ihr wisst nicht:

  • Wo und wann wurde das Gold ursprünglich abgebaut?
  • Unter welchen Bedingungen? (Arbeitsschutz? Kinderarbeit? Quecksilber?)
  • Aus welchem Land stammt es wirklich?

Wichtig: Der Begriff „rückverfolgbar“ ist Gold vorbehalten, das wirklich bis zur Mine zurückverfolgt werden kann – also Fairtrade, Fairmined oder SMO Gold. „Altgold“ ist keine Herkunft, hier gibt es keine echte Rückverfolgbarkeit.

Beispiel Dubai: Eine SWISSAID-Studie (2020) zeigt: Gold aus Konfliktgebieten wird über Dubai „gewaschen“ und als Recycling-Gold verkauft. Kontrollen sind nachweislich unzureichend.

Gold aus dem Kongo wird über Frankreich importiert – dann gilt Frankreich als „Herkunftsland“. Das Gold wird eingeschmolzen, landet im Handel und niemand weiß mehr, wo es herkam.

3. Der Bergbau geht unvermindert weiter

75% des weltweit jährlich verarbeiteten Goldes wird neu abgebaut. Der Abbau nimmt aufgrund hoher Goldpreise sogar zu – besonders im Kleinbergbau-Sektor.

Recycling-Gold ersetzt Neuabbau nicht – es ergänzt ihn nur. Die Recycling-Quote liegt bereits bei nahezu 100% – hier kann das Angebot also nicht ausgeweitet werden. Solange die Nachfrage weiter steigt, wird also weiter Gold aus der Erde geholt.

Die Quelle entscheidet

Nicht alles, was als „Recycling-Gold“ verkauft wird, ist gleichwertig. Der entscheidende Unterschied liegt in der Quelle.

Investment-Gold

Das ist kein echtes Recycling, weil es bereits zu mindestens 99,9 % rein ist (also kein “Müll”) und viel zu leicht frisches Material unbekannter Herkunft enthalten sein kann. Hierbei wird Gold in Form von Barren und Münzen eingeschmolzen und irreführend als „Recycling-Gold“ wieder in den Markt gebracht.

Warum es keine Lösung ist:

  • Die Barren könnten erst vor ein paar Wochen aus einer Mine gekommen sein
  • Kein echter Kreislauf, kein Umweltnutzen
  • Oft über intransparente Lieferketten (z.B. aus Dubai) – ohne belastbare Herkunftsnachweise
  • Gold aus Konfliktgebieten kann so “legal” in den Markt gelangen

Pre-Consumer Material

Das ist kein echtes Recycling, sondern ein Industrie-interner Materialstrom. Produktionsabfälle aus der Schmuckherstellung – Verschnitt, Feilspäne, Gussreste. Material, das nie einen Endnutzer erreicht hat.

Warum es problematisch ist:

  • Wurde abgebaut – möglicherweise erst vor wenigen Wochen
  • Kein Endnutzer war je involviert, daher kein echter Kreislauf-Effekt
  • Wird trotzdem häufig als „Recycling-Gold“ vermarktet

Post-Consumer Recycling-Gold

Das ist echtes Recycling: End-of-Life Schmuck, Uhren, Zahngold, Elektronikschrott von Endnutzern. Material, das einen vollständigen Lebenszyklus hinter sich hat.

Warum es die bessere Wahl ist:

  • Schließt den Kreislauf wirklich – das Material kommt von Endnutzern zurück
  • Nutzt Material, das sein Produktleben beendet hat (z.B. beschädigter Schmuck)
  • Klar abgrenzbar von frisch abgebautem Material

Abfall ("Waste")

Tatsächlicher „Müll“, der in den Abfallstrom (waste stream) gelangt – z.B. Elektronikschrott, Schmelztiegel, Industrieteile am Ende ihrer Nutzungsdauer, minderwertiges Material aus Müllverbrennung, Kehricht. 210 Mio. ausgediente Handys liegen allein in deutschen Schubladen!

Warum diese Kategorie besonders relevant ist:

  • Erhöht das Goldangebot am Markt tatsächlich (leicht)
  • Kann dadurch den Preis (etwas) senken und (etwas) weniger Neuabbau bewirken
  • Ist die einzige Recycling-Kategorie, bei der man seriös von einer positiven ökologischen Wirkung sprechen kann
  • Ist allerdings aufgrund der geringen Mengen und aufwändigen Gewinnung noch kaum am Markt verfügbar
Inforgrafik Recycling Gold-4 Kategorien

Fazit: Nur Post-Consumer Gold und Abfall-Recycling schließen den Kreislauf wirklich. Pre-Consumer- und Investment-Gold sind streng genommen gar kein echtes Recycling – auch wenn sie häufig als „Recycling-Gold“ verkauft werden.

Mehr dazu: Ist Recycling-Gold wirklich recyclet?

Recycling-Gold bei Fairever

Fairever arbeitet ausschließlich mit Post-Consumer Recycling-Gold – der einzigen verfügbaren Kategorie, die den Kreislauf wirklich schließt. End-of-Life Schmuck, Zahngold, Elektronikschrott, industrielle End-of-Life Rückstände. Wir schließen Pre-Consumer-Material und Investment-Gold explizit aus.

Jede Charge wird auf 999,9 Promille Reinheit geprüft. Unsere Raffinerie ist Stephen Betts & Sons, die älteste Scheideanstalt im Vereinigten Königreich (seit 1760).

Recycling-Gold aus tatsächlichem „Abfall“, wie oben definiert, wäre noch besser. Da die Mengen sehr gering sind und die Gewinnung sehr aufwändig ist, ist dieses allerdings noch kaum am Markt verfügbar. Wir hoffen, dies mittelfristig auch anbieten zu können.

Was Recycling-Gold allein nicht leistet

Post-Consumer Recycling-Gold ist echte Kreislaufwirtschaft. Aber es löst weder die sozialen noch die ökologischen Probleme im Bergbau. 15 bis 20 Millionen Menschen arbeiten im Kleinbergbau – viele unter gefährlichen Bedingungen.

Deshalb bieten wir zusätzlich Produkte aus:

Recycling-Gold Credit+ Fairmined

Das gleiche Post-Consumer Gold – kombiniert mit “Fairmined Credits”. Für jedes gekaufte Gramm wird ein Credit erworben. Dieser garantiert, dass an anderer Stelle ein Gramm Gold unter fairen Bedingungen gefördert wurde.

  • Mindestpreise schützen Bergleute vor Ausbeutung
  • Prämienzahlungen finanzieren Bildung, Gesundheit und Infrastruktur in Bergbau-Gemeinden
  • Arbeitsstandards garantieren sichere Bedingungen und verbieten ausbeuterische Kinderarbeit

 

So verbindet ihr Kreislaufwirtschaft mit sozialem Impact.

Fazit

Recycling-Gold ist weder nachhaltig noch klimafreundlich im eigentlichen Sinne. Die Verwendung von Recycling-Gold führt nicht zu mehr Recycling oder weniger Bergbau und spart global kein CO₂ ein. Und es löst nicht die sozialen Probleme für die Millionen Menschen, die vom Goldabbau leben.

Die Quelle entscheidet: Nur Post-Consumer Gold schließt den Kreislauf wirklich. Pre-Consumer-Material und Investment-Gold ändern nichts an der Nachfrage nach Neuabbau.

Die Realität: 75% des weltweit verarbeiteten Goldes werden weiterhin neu abgebaut. Recycling allein ist keine Lösung – aber in Kombination mit fairen Standards kann es Teil der Antwort sein.

Was ihr tun könnt: Fragt konkret nach: Woher stammt das Gold? Ist es Post-Consumer? Welche sozialen Standards werden erfüllt? Nur mit Transparenz wird Recycling-Gold zur echten Kreislaufwirtschaft.

Über die Autorin
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